Dr. Marc Coester 1. Vorstand

Prof. Dr. Marc Coester
1. Vorstand

Die drei Parolen der inneren Partei prangen am Ministerium für Wahrheit. Ozeanien wird mit harter Hand regiert. Die Bevölkerung unterdrückt und kontrolliert. Die Gedankenpolizei überwacht jeden Schritt der Bevölkerung. Neusprache, die von der Partei eingeführte Amtssprache, ersetzt oder streicht schädliche Begriffe wie “Gerechtigkeit”, “Moral”, “Demokratie”. Fernsehgeräte, die den ganzen Tag den Staatssender zeigen, können sämtliche Wohnzimmer akustisch und visuell überwachen – zur Erinnerung steht “Big Brother is watching you” auf Plakaten überall in Ozeanien. Kunst wird zensiert oder verboten. Die Geschichte neu geschrieben. Freie Meinungsäußerung und Bürgerrechte gibt es schon lange nicht mehr. Das bloße Denken an Widerstand gegen die Partei und den Staat wird als “Gedankenverbrechen” mit dem Tode bestraft.

Wir schreiben das Jahr 1984. Genau da, also heute vor 30 Jahren, hatte George Orwell dieses düstere Szenario verortet, als er im Jahre 1948 seinen Roman “1984” veröffentlicht. Sicherlich hat sich die Welt (neben einigen Staaten, die die Romanvorlage bis heute allzu wörtlich auslegen) anders als in der Orwell’schen Prophezeiung entwickelt. Trotzdem ist das Buch immer noch eine deutliche Mahnung und sensibilisiert, wenn es um den Umgang mit staatlicher Gewalt, Bürgerrechten, Überwachung, Kultur und Medien geht.

Im selben Jahr, 1984, erkennen engagierte Pädagoginnen und Pädagogen in Reutlingen, dass (neue) Medien die Zukunft des gesellschaftlichen Lebens zutiefst beeinflussen werden und dass Medienarbeit bzw. Medienpädagogik daher – ganz im Orwell’schen Sinne – mehr sein muss als didaktisch Medienkompetenz zu lehren und erlernen. Vor 30 Jahren kommt der erste Mikrocomputer mit grafischer Benutzeroberfläche von Apple auf den Markt, der Chaos Computer Club knackt das BTX-System der Deutschen Bundespost, das Privatfernsehen geht an den Start, mit “River Raid” von Atari wird in Deutschland das erste Videospiel indiziert, Mark Zuckerberg erblickt das Licht der Welt und beschert selbiger 20 Jahre später das soziale Netzwerk und die Musikindustrie erschafft mit den “New Kids on the Block” ein musikalisches Geschäftsmodell, bei dem der Absatz wichtiger wird als die Musik(er). In dieser Atmosphäre tüftelt man derweil in Reutlingen zunächst an einem ganzheitlichen Ansatz musikalischer Bildung, der die Band als Ort von Gemeinschaft, Zusammenhalt, Teilhabe und Kooperation versteht und die Lernprozesse nicht nur auf Akkorde und Takte sondern auch auf soziale Verantwortung und demokratische Prozesse bezieht. Auch die Stadt Reutlingen erkennt dieses Potenzial und ermöglicht Räumlichkeiten für die Musikwerkstatt im Haus der Jugend. Ob man der Idee damals eine 30jährige Laufzeit zutraut? Das Angebot der Kulturwerkstatt kann in den folgenden Jahren ständig erweitert und an neue Entwicklungen, Erkenntnisse und Theorien angepasst werden. Neben der Musik standen wenig später auch Fragen des pädagogischen Zugangs zur sich ausbreitenden digitalen Welt im Fokus. 1989 folgte daher die Einrichtung der Computerwerkstatt (gefolgt 1998 von der Videowerkstatt), die, neben dem Spaß an der Arbeit mit Computern und Video, auch auf den reflektierten Medienkonsum und kritischen Umgang mit Medienangeboten abzielt.

Die Unternehmung “Kulturwerkstatt e.V.” wird 2014 also 30 Jahre alt. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass Medien, ganz wie von Orwell beschrieben, einen immer größeren Stellenwert im menschlichen Leben einnehmen und hierbei, neben großen Innovationen, auch Schattenseiten zu Tage treten. Der jüngste NSA-Skandal ist nur ein Beispiel. Mit beidem, Chancen und Risiken, sind die Menschen tagtäglich konfrontiert. Die Kulturwerkstatt möchte hier ein menschenrechtsorientiertes und demokratisches, medienpädagogisches und kommunales Bildungsangebot machen, das sich insbesondere der Diskussion um Zugang, Gestaltung und Verantwortung stellt. In Orwells Roman gibt es das Café “Kastanienbaum”, der letzte Rückzugsort für Andersdenkende, Maler und Musiker, an dem noch frei und kreativ gedacht und diskutiert werden kann. Dieses Bild können wir uns für die Kulturwerkstatt auch in den nächsten 30 Jahren gut vorstellen.