Kulturwerkstatt - Mit der Mäd­chen­aka­de­mie star­tet das »Haus der Jugend« heu­er eine Com­pu­ter-Fort­bil­dungs­rei­he

HEIKE KRÜGER

REUTLINGEN. Der klei­ne Hai ruckelt und zuckelt mit ziem­lich ecki­gen Bewe­gun­gen durchs Was­ser, hält auf einen Schwim­mer zu und … Schluss. Der kur­ze Trick­film bricht ab und erspart sei­nen Betrach­tern auf die­se Wei­se das mut­maß­lich blu­ti­ge Ende eines ent­spann­ten Bade­ur­laubs. Wobei an die­sem Diens­tag­mor­gen offen bleibt, ob die klei­ne Com­pu­ter-Ani­ma­ti­on nur unvoll­endet ist, oder ob ihre Macher ganz bewusst die Gren­zen des guten Geschmacks wah­ren woll­ten.

MädchenakademieVer­pi­xelt und zuge­näht: 90 Teil­neh­me­rin­nen der Mäd­chen­aka­de­mie machen Com­pu­ter­bil­dern Bei­ne. FOTO: NIETHAMMER

Gar nicht übel

Unstrit­tig ist hin­ge­gen, dass die Sequenz noch über­ar­bei­tet wer­den muss. »Etwas flüs­si­ger«, fin­det »Leh­re­rin« Ann-Kath­rin, dürf­te der Raub­fisch schon durchs Was­ser glei­ten. Jedoch: Für einen ers­ten Ver­such ist das Mini-Film­chen gar nicht übel. Zumal die Mäd­chen­aka­de­mie im Haus der Jugend ja erst am ver­gan­ge­nen Mon­tag ihre Arbeit auf­ge­nom­men hat, die Teil­neh­me­rin­nen gewis­ser­ma­ßen ins kal­te Was­ser gewor­fen wur­den.

Zwi­schen acht und sech­zehn Jah­re alt, wol­len sie die Som­mer­fe­ri­en dafür nut­zen, sich krea­tiv mit dem Medi­um Com­pu­ter aus­ein­an­der zu set­zen. Denn dass man mit den grau­en Kis­ten weit mehr anfan­gen kann, als Tex­te zu schrei­ben, das hat sich sogar unter den Jüngs­ten rum­ge­spro­chen. Über das Wie herrscht jedoch noch Unklar­heit. Viel­mehr: Sie herrsch­te - weil bereits zwei Unter­richts­ein­hei­ten genüg­ten, ihnen die Welt der Pixel wenigs­tens ansatz­wei­se zu erschlie­ßen.

Ein­fa­che, bedie­nungs­freund­li­che Pro­gram­me, so Mäd­chen­aka­de­mie-Erfin­de­rin Petra Lever, machen’s mög­lich. Etwa »D-Paint« oder »Kai’s Power-Go«, mit deren Hil­fe sich ohne groß­ar­ti­ges Fach­wis­sen klei­ne Kunst­wer­ke auf den Bild­schirm zau­bern las­sen. Ohne viel Hirn­schmalz, mit Mager-Werk­zeug.

Um die­ses an die Mädels zu brin­gen, beschrei­tet die Reut­lin­ger Kulturwerkstatt übri­gens neue Wege. Nicht Erwach­se­ne unter­rich­ten die Grup­pen, son­dern Zwölf- bis Sech­zehn­jäh­ri­ge. Die haben sich ein Jahr lang inten­siv mit den Berei­chen Gra­fik und Bild­be­ar­bei­tung, Trick­film und Musik sowie Text­ver­ar­bei­tung und Inter­net aus­ein­an­der gesetzt, haben sich Unter­richts­kon­zep­te über­legt und die­se im Rah­men von Work­shops auf ihre Taug­lich­keit hin über­prüft. Das Ergeb­nis: Die Tro­cken­übun­gen haben sich gelohnt, müs­sen mit­un­ter aber an die Unter­richts­wirk­lich­keit ange­passt wer­den.

Breites Altersspektrum

Und das sei gar nicht so ein­fach, wie auf einer Pres­se­kon­fe­renz zu hören, bei der die Grup­pen­lei­te­rin­nen über ihre ers­ten »Lehr­er­fah­run­gen« spre­chen. Etwa die sech­zehn­jäh­ri­ge Lisa, die das brei­te Alters­spek­trum der Teil­neh­me­rin­nen als schwie­rig emp­fin­det. »Sie alle unter einen Hut zu krie­gen«, sagt sie, das sei »tri­cky«. Gar nicht zu reden vom Lern­tem­po des Ein­zel­nen. Oder von der indi­vi­du­ell unter­schied­li­chen Kon­zen­tra­ti­ons­fä­hig­keit der Teil­neh­me­rin­nen.

Ohne Fle­xi­bi­li­tät und Manö­ver­kri­tik geht’s des­halb nicht. Der guten Sache tut’s jedoch kei­nen Abbruch. Im Gegen­teil. Wie Mei­nungs­stich­pro­ben bei den über 90 ange­mel­de­ten Schü­le­rin­nen bele­gen, fin­den sie das Feri­en­pro­gramm im Haus der Jugend klas­se. »Voll cool« sei’s. Maxi­mal moti­vie­rend. Und vor allem sehr pra­xis­ori­en­tiert. Kurz: Hier scheint das Ler­nen rich­tig Spaß zu machen.

Und das Unter­rich­ten auch. Zumal die »Leh­re­rin­nen« das siche­re Gefühl haben, an ihrem Job zu wach­sen. »In der Schu­le«, gesteht Lisa, »habe ich vor jedem Refe­rat Lam­pen­fie­ber.« Doch hier sei der Bam­mel plötz­lich wie weg­ge­bla­sen.

Eine Erfah­rung, die Mäd­chen­aka­de­mie-Grün­de­rin Petra Lever aus der Beob­ach­te­rin­nen­per­spek­ti­ve bestä­tigt. Selbst­be­wusst, so Lever, sei­en die Mäd­chen ans Werk gegan­gen, gera­de so als woll­ten sie sagen: »Mir kön­net was ond kön­net des au zei­ga«. Zur Freu­de der Teil­neh­me­rin­nen, die mit sicht­li­cher Begeis­te­rung bei der Sache sind und zügig auf Klein-Pro­jek­te hin­ar­bei­ten - vom musi­ka­lisch unter­leg­ten Trick­film bis zur Foto-Sto­ry.

Ausstellung geplant

Die Ergeb­nis­se der Mäd­chen­aka­de­mie sol­len nach den Som­mer­fe­ri­en übri­gens einer grö­ße­ren Öffent­lich­keit vor­ge­stellt wer­den. Dann wird’s näm­lich eine Aus­stel­lung im Haus der Jugend, Muse­um­stra­ße 7, geben, wo auch wei­te­re Infor­ma­tio­nen rund ums Reut­lin­ger Pilot-Pro­jekt erhält­lich sind. Ob der Com­pu­ter-ani­mier­te Hai bis dahin rich­tig schwim­men kann? - Hin­ge­hen und nach­schau­en! (GEA)

Ori­gi­nal­ar­ti­kel erschie­nen am 05.08.2004 im Reut­lin­ger Gene­ral­an­zei­ger.