Reut­lin­gen. Ohne Pau­ken und Trom­pe­ten, aber mit Schlag­zeug, Bass, Gitar­re und Lob­ge­sän­gen fei­ert die Kulturwerkstatt am 14. Novem­ber 25. Geburts­tag. Mit Fest­akt, Work­shops und haus­ge­mach­tem Rock»n»Roll.

25 Jahre Kulturwerkstatt

Am 14. Novem­ber wird gefei­ert: Die Kulturwerkstatt Reut­lin­gen wird 25 Jah­re alt. Foto: Kath­rin Kipp

Ange­fan­gen hat alles in einer Küche: Auf dem legen­dä­ren Akti im Diet­weg haben Diet­mar Por­cher und Wolf­gang Theu­rer damals Instru­men­te her­an­ge­schafft, mit den Kids eine Band gegrün­det und es ordent­lich kra­chen las­sen: unter ver­sier­ter päd­ago­gi­scher Anlei­tung ver­steht sich.

Da die Küche immer mehr Zulauf bekam, wur­de das Pro­jekt schließ­lich insti­tu­tio­na­li­siert und in amt­li­che Räu­me gebracht. 1984 wur­de die Musikwerkstatt mit eige­nen Pro­be­räu­men im Haus der Jugend gegrün­det. Ende der 80er konn­te sich die »Kulturwerkstatt e.V.« dann erst­mals zwei 50-Pro­zent-Stel­len leis­ten. Sehr viel musik­päd­ago­gi­sche Arbeit wird aller­dings nach wie vor noch von Ehren­amt­li­chen, Hono­rar­kräf­ten und Prak­ti­kan­ten geleis­tet. Von Anfang an ver­folg­ten sie dabei das Ziel, nicht nur die jun­gen Rock- und Pop-Fans an die Instru­men­te zu brin­gen, son­dern vor allem auch benach­tei­lig­ten Jugend­li­chen einen nied­rig­schwel­li­gen Zugang zu Kul­tur, Kunst, Krea­ti­vi­tät und Tech­nik zu ermög­li­chen, die im gemein­sa­men Musi­zie­ren wich­ti­ge sozia­le und kul­tu­rel­le Fähig­kei­ten ent­wi­ckeln kön­nen.

Des­halb koope­riert man auch schon immer mit Ein­rich­tun­gen der Jugend­hil­fe. Die Kulturwerkstatt war damit eine der ers­ten über­haupt, die die­ses musik­so­zi­al­päd­ago­gi­sche Kon­zept ver­folg­ten und erweist sich bis heu­te als inno­va­ti­ve Trend­set­te­rin, die stän­dig neue Pro­jek­te ent­wi­ckelt, in denen nicht zuletzt vie­le FH-Prak­ti­kan­ten mit immer neu­en Ide­en nicht nur neue Ziel­grup­pen ins Haus locken, son­dern auch neue Ange­bo­te, Tech­ni­ken und Medi­en aus­pro­bie­ren. Schon 1989, als die Com­pu­ter prak­tisch noch aus Holz waren und auf »DOS«-Ebene lie­fen, grün­de­te Wil­fried Lever die Computerwerkstatt.

»Lear­ning by doing«, erklärt Petra Lever von der Mäd­chen­com­pu­ter­werk­statt das Krea­tiv-Kon­zept: Die Jugend­li­chen bas­teln am Com­pu­ter Musik, Post­kar­ten, Vide­os oder Foto­sto­rys, ler­nen damit die ent­spre­chen­de Pro­gram­me so ganz neben­bei und legen damit viel­leicht sogar den Grund­stein für ihren Berufs­weg.

Nicht weni­ge Kulturwerkstatt-Kids lan­de­ten schließ­lich in der Medi­en- oder Musik­bran­che, besuch­ten die Mann­hei­mer Pop-Aka­de­mie oder haben zumin­dest die bun­te Reut­lin­ger Musik­sze­ne berei­chert. Die frü­he­re Musik­werk­statt­band »Debbie rockt« gelang­te sogar zu kurz­fris­ti­ger Berühmt­heit: Aber nicht das Pop­star­wer­den, son­dern »der Weg ist das Ziel«, betont Bir­git Neu­ge­bau­er von der Musikwerkstatt. Die Jugend­li­chen sol­len selbst­be­wuss­ter, team­fä­hi­ger und krea­ti­ver wer­den, mit ganz ande­ren Metho­den als in der Schu­le.

Auch die Mäd­chen­ar­beit wird seit Anfang der 90er groß­ge­schrie­ben, mit Mäd­chen-Musikwerkstatt und Mäd­chen-Computerwerkstatt. Spä­ter wur­den Video­werk­statt, die Mäd­chen­aka­de­mie und das mobi­le Ein­satz­kom­man­do (Mobi) gegrün­det, mit dem die Pro­jek­te im gan­zen Land­kreis ange­bo­ten wer­den kön­nen.

Seit 2000 arbei­tet die Kulturwerkstatt ver­stärkt mit geis­tig und kör­per­lich beein­träch­tig­ten Men­schen zusam­men: die inte­gra­ti­ve Band »Soul­hos­sas« ist bis heu­te eine der erfolg­reichs­ten Musikwerkstatt-Bands. Über die Jah­re kamen immer mehr Jugend­li­che: Aktu­ell besu­chen 1100 Teil­neh­mer pro Jahr die Pro­jek­te und über 30 Bands rocken in den zwei Pro­be­räu­men. Aber nicht nur bei der Pro­jekt­ent­wick­lung, son­dern auch in Sachen Dritt­mit­tel­be­schaf­fung zeig­te sich die Kulturwerkstatt immer äußerst krea­tiv: »Über 1,7 Mil­lio­nen haben wir in all den Jah­ren für die Reut­lin­ger Jugend­ar­beit her­an­ge­schafft«, bilan­ziert Bir­git Neu­ge­bau­er.

Seit 2007 und 2009 finan­ziert auch die Stadt zwei hal­be Stel­len, wor­über man sehr glück­lich ist. Trotz­dem blickt man der­zeit - wie alle Kul­tur- und Jugend­ein­rich­tun­gen - kri­sen­be­dingt mit Ban­gen in die Zukunft. Aber jetzt wird zuerst ein­mal kräf­tig gefei­ert.

Info

25 Jah­re Kulturwerkstatt Reut­lin­gen, JUBI-Fest im Haus der Jugend, Sams­tag, 14. Novem­ber, 14 Uhr: Die Kulturwerkstatt stellt sich vor, mit Musik- und Com­pu­ter-Work­shops, offe­nen Ange­bo­ten, musi­ka­li­schen Dar­bie­tun­gen, Video­clips, Haus­füh­run­gen, Instru­men­ten­floh­markt und Ver­stei­ge­rung von Musik-Stu­dio-Tagen. 18 Uhr: Fest­akt mit OB Bar­ba­ra Bosch, Land­rat Tho­mas Reu­mann und ande­ren. 20 Uhr: Bands der Musikwerkstatt »Live On Sta­ge« mit den Soul­hos­sas, Park­ver­boot, Rock­wärts (Gemein­de­rats­band), The Stra­ge und Storm In A Tea­cup.

Ori­gi­nal­ar­ti­kel erschie­nen am 06.11.2009 in den Reut­lin­ger Nach­rich­ten.