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Kulturwerkstatt - ein Riesenabenteuer 14/11/09

Reut­lin­gen. Er hat schon halb Reut­lin­gen durch die school of rock geschleust: Wolf­gang Theu­rer hat vor 25 Jah­ren die Kulturwerkstatt gegrün­det und ist immer noch voll dabei. Heu­te steigt die »Jubi-Par­ty«.

Wolfgang Theurer
Kul­tur­werk­statt­ler von Anfang an: Wolf­gang Theu­rer. Foto: Kath­rin Kipp

Vor über 25 Jah­ren absol­vier­ten Wolf­gang Theu­rer und Diet­mar Por­cher auf dem Akti ihr Sozi­al­päd­ago­gik-Prak­ti­kum. Als pas­sio­nier­te Musi­ker grün­de­ten sie mit den Kids eine Band und schaff­ten Gitar­ren, Schlag­zeug und Ver­stär­ker in die Küche.

Die platz­te bald aus allen Näh­ten, wes­halb man in die Muse­um­stra­ße zog, wo 1984 die Kulturwerkstatt gegrün­det wur­de. Schon die aller­ers­te Band war eine weg­wei­sen­de Mäd­chen­band namens »Über­do­sis«.

Beim ers­ten Auf­tritt muss­te die Gitar­ris­tin aller­dings von einem männ­li­chen Lang­haar-Kol­le­gen im Mini­rock ver­tre­ten wer­den: Und so ging es in der Kulturwerkstatt schon von Anfang an bunt und unkon­ven­tio­nell zu.

Auch in Sachen Iden­ti­täts­bil­dung. Wolf­gang Theu­rer hat dabei schon früh das päd­ago­gisch-krea­ti­ve Poten­zi­al einer Rock­nRoll-Com­bo erkannt. Und das zu einer Zeit, als Instru­men­te noch teu­er und Pro­be­räu­me rar waren, so dass die Musikwerkstatt für vie­le tat­säch­lich die ein­zi­ge Chan­ce war, sich in der Rock­mu­sik aus­zu­to­ben. Das wäre vor allem für vie­le Kids aus der Jugend­hil­fe sonst ein Traum geblie­ben. Und des­halb fin­det es Theu­rer nach wie vor »jedes Mal ergrei­fend«, wenn jeder noch so ver­hal­ten­so­ri­gi­nel­le Jugend­li­che nach sei­nem ers­ten Auf­tritt »als ein gänz­lich ande­rer von der Büh­ne kommt«.

Vor 25 Jah­ren hat­te der Rock­nRoll natür­lich noch ein Krach­ma­cher- und Pro­test-Gschmäck­le, vor allem bei man­chen kom­mu­na­len Ent­schei­dungs­trä­gern. Bis heu­te hat sich das gewan­delt. Die Kom­mu­nal­po­li­ti­ker sind mitt­ler­wei­le fast jün­ger als die Musik­päd­ago­gen, und die Kulturwerkstatt wird nicht mehr belä­chelt, son­dern als sozi­al-kul­tu­rel­le Ein­rich­tung voll akzep­tiert.

Das drückt sich nicht zuletzt dar­in aus, dass dort unter fach­kun­di­ger Anlei­tung sogar eine frak­ti­ons­über­grei­fen­de Gemein­de­rats­band probt, die auch bei der »Jubi-Par­ty« auf­spie­len wird: alles ein Ergeb­nis jah­re­lan­gen Brett­boh­rens und inhalt­li­cher Wei­ter­ent­wick­lung. Frü­her wur­den die »unfer­ti­gen, aber unglaub­lich muti­gen« Musik­werk­statt­bands auf dem Stadt­fest »von der Kul­ture­li­te noch eher als Beläs­ti­gung emp­fun­den«, heu­te ern­ten sie auf dem Neig­schmeckt-Markt mit »Män­ner sind Schwei­ne« sogar hel­le Begeis­te­rung, erzählt Theu­rer.

Für vie­le Kids bedeu­tet die Musikwerkstatt immer noch die Initi­al­zün­dung in Sachen musi­ka­li­scher Bio­gra­phie, und vie­le erfah­ren sich dort außer­halb ihres viel­leicht pro­ble­ma­ti­schen Umfelds in ganz neu­er Wei­se.

Dabei hat sich - Tot­ge­sag­te leben län­ger - die Rock­mu­sik als über­ra­schend zäh erwie­sen, sagt Theu­rer, der pri­vat mit sei­ner Band »Blues­kraft« auch eher retro unter­wegs ist. Aber er hat die Erfah­rung gemacht: Egal, was für Songs, »Haupt­sa­che, man spürt den spi­rit und den flow.« Der Sozi­al­päd­ago­ge hat nach vie­len Jah­ren Jugend­kul­tur­ar­beit noch BWL stu­diert, weil: »Es reicht nicht, etwas gut zu mei­nen, man muss es auch gut machen.«

Das heißt, »alles muss sei­nen Platz haben: Die Kunst, das Sozia­le, die Finan­zie­rung«, sagt Wolf­gang Theu­rer, der sei­ne beruf­li­che Erfül­lung aber immer noch in der Musik­päd­ago­gik sieht.

Die Kulturwerkstatt habe aller­dings auch schon schwie­ri­ge Zei­ten gese­hen, nicht nur finan­zi­ell: In den 90ern etwa sorg­ten gewalt­be­rei­te Jugend­li­che für Auf­re­gung - und stren­ge­re Haus­re­geln. Höhe­punk­te dage­gen waren die legen­dä­ren Kul­tur­aus­tausch-Fahr­ten ins Aus­land.

Nicht nur nach Par­ma, son­dern auch - noch vor der Wen­de - in die dama­li­ge Tsche­cho­slo­wa­kei mit fast schon kon­spi­ra­ti­ven Vor­be­rei­tungs­treffs in Pil­sen und Auf­trit­ten im Pra­ger Kul­tur­pa­last: Alles in allem also ein »Rie­sen­aben­teu­er«.

Für die Zukunft erhofft sich Theu­rer wei­ter­hin »eine gute Mischung aus Erfah­rung und Inno­va­ti­on, mit sta­bi­len Struk­tu­ren und behut­sa­men Umbau­ten«.

Aber er hat auch Visio­nen: Nicht nur, dass im Haus der Jugend viel­leicht ein­mal eines Tages eine Senio­ren­band rockt, son­dern auch, dass Musik- und Computerwerkstatt »noch um ein paar Werk­stät­ten erwei­tert« wer­den, zum Bei­spiel in den Dis­zi­pli­nen Bil­den­de Kunst oder Thea­ter für benach­tei­lig­te Jugend­li­che.

Info

25 Jah­re Kulturwerkstatt Reut­lin­gen: Das »Jubi-Fest« steigt im Haus der Jugend, heu­te, Sams­tag, 14. Novem­ber.

14 Uhr: Die Kulturwerkstatt stellt sich vor, mit Musik- und Com­pu­ter-Work­shops, offe­nen Ange­bo­ten, Musik, Video­clips, Haus­füh­run­gen, Instru­men­ten­floh­markt und Ver­stei­ge­rung von Musik-Stu­dio-Tagen;

17.30 Uhr: Sekt­emp­fang;

18 Uhr: Fest­akt mit OB Bar­ba­ra Bosch, Land­rat Tho­mas Reu­mann;

20 Uhr: Bands der Musikwerkstatt »Live On Sta­ge« mit Soul­hos­sas, Park­ver­boot, Rock­wärts (Gemein­de­rats­band), The Stra­ge und Storm In A Tea­cup.

Ori­gi­nal­ar­ti­kel erschie­nen am 14.11.2009 in den Reut­lin­ger Nach­rich­ten.