Dr. Marc Coester 1. Vorstand

Prof. Dr. Marc Coes­ter
Vor­stands­vor­sit­zen­der
Kulturwerkstatt e.V.

Im Okto­ber 2017 ist das soge­nann­te Netz­werk­durch­set­zungs­ge­setz in Deutsch­land in Kraft getre­ten. Damit sol­len Het­ze, Hass­re­de (hate speech) und Fal­sch­nach­rich­ten (fake news) aus dem Inter­net, ins­be­son­de­re den sozia­len Netz­wer­ken, ver­bannt wer­den. Gemeint sind Pos­tings, Kom­men­ta­re und Tweets, die straf­recht­lich rele­vant erschei­nen (zumin­dest in Deutsch­land), ins­be­son­de­re im Sin­ne von Belei­di­gun­gen oder Volks­ver­het­zung. Anbie­ter ein­schlä­gi­ger Platt­for­men wer­den ver­pflich­tet, „offen­sicht­lich“ rechts­wid­ri­ge Inhal­te inner­halb von 24 Stun­den und sons­ti­ge rechts­wid­ri­ge Inhal­te inner­halb von sie­ben Tagen zu ent­fer­nen. Seit­her wird im Inter­net wild gelöscht. Da den Kon­zer­nen in Deutsch­land emp­find­li­che Buß­gel­der bei nicht-Löschung dro­hen (bis zu 5 Mil­lio­nen Euro) und eine ein­ge­hen­de Prü­fung von Anzei­gen bin­nen kur­zer Fris­ten durch Mitarbeiter/innen der Netz­wer­ke nicht mög­lich ist (zur Ver­deut­li­chung: allein auf Face­book wer­den sekünd­lich (!) welt­weit rund 55.000 Inhal­te geteilt), wer­den Kom­men­ta­re lie­ber schnell als zu spät gelöscht (ganz zu schwei­gen von einer gänz­lich feh­len­den rich­ter­li­chen Prü­fung). Dar­un­ter Inhal­te, die wir alle ken­nen und ver­ab­scheu­en: ernied­ri­gen­de, aus­gren­zen­de, men­schen­ver­ach­ten­de, het­ze­ri­sche, über­flüs­si­ge Kom­men­ta­re (meist) gegen bestimm­te gesell­schaft­li­che Grup­pen, die in einer sol­chen Schär­fe vor der digi­ta­len Revo­lu­ti­on als Stamm­tisch­pa­ro­len bekannt und nur sel­ten außer­halb des Wirts­hau­ses zu hören waren. Dar­un­ter aber auch Inhal­te, die von den gestress­ten „Lösch-Mit­ar­bei­ter/in­nen“ der Netz­wer­ke falsch inter­pre­tiert wer­den: sati­ri­sche, pro­vo­kan­te, über­spitz­te, über­kri­ti­sche Mei­nun­gen eben.

Ist das nun eine Errun­gen­schaft des Rechts­staa­tes gegen­über den neu­en Medi­en, lässt sich das Inter­net mit den her­kömm­li­chen Mit­teln des Straf­rechts kon­trol­lie­ren oder ist dies ein Kampf gegen Wind­müh­len auf Kos­ten der frei­en Mei­nungs­äu­ße­rung? Die Dis­kus­si­on ist schwie­rig, u. a. da sich die inhalts­lee­ren Pro­vo­ka­teu­re des Rechts­po­pu­lis­mus über das neue „Zen­sur­ge­setz“ auf­re­gen; hier­mit wird näm­lich auch die Grund­la­ge ihrer rhe­to­ri­schen Stra­te­gie getrof­fen. Trotz­dem: die freie Mei­nungs­äu­ße­rung ist ein hohes – wenn nicht das höchs­te – Gut frei­heit­lich, demo­kra­ti­scher Rechts­staa­ten. Wenn Des­po­ten Län­der tota­li­sie­ren, kippt immer zual­ler­erst die Mei­nungs­frei­heit und die Pres­se wird zen­siert. Und auch wenn die Gedan­ken frei blei­ben: der Mensch erfährt Frei­heit erst dann, wenn Gedan­ken auch for­mu­liert wer­den kön­nen und dür­fen. Gedan­ken wach­sen mit ihrer For­mu­lie­rung oder, wie es der Schrift­stel­ler Tris­tan Tza­ra beschrie­ben hat: der Gedan­ke formt sich im Mund. Die Frei­heit, zu sagen, was man denkt, ist in die­ser Sicht­wei­se ein Grund-, ja Men­schen­recht. Das alles war vor dem Ein­zug des Inter­nets leich­ter getan als gesagt. Heu­te erscheint es anders­her­um: das Inter­net ermög­licht einen glo­ba­len Mei­nungs­aus­tausch, der jeder­zeit, über­all, schnell, welt­weit, anonym, sinn­voll oder sinn­ent­leert, men­schen­ach­tend oder men­schen­ver­ach­tend statt­fin­det, genutzt und aus­ge­nutzt wer­den kann. Ob hier­bei Zen­sur, Straf­ver­fol­gung bis hin zur Mani­pu­lie­rung der phy­si­schen Daten­lei­tun­gen (wie dies von anti­de­mo­kra­ti­schen Staa­ten schon heu­te prak­ti­ziert wird) hel­fen ist frag­lich. Viel wich­ti­ger erscheint eine Medi­en­päd­ago­gik, die schon Kin­dern Kom­pe­ten­zen eines sinn­vol­len und kri­ti­schen Gebrauchs der neu­en Medi­en ver­mit­telt. Auf­klä­rung und Bil­dung sind in die­sem Zusam­men­hang so wich­tig wie ver­mut­lich das letz­te Mal zu Imma­nu­el Kants Zei­ten: der Aus­gang des Men­schen aus sei­ner selbst­ver­schul­de­ten, digi­ta­len Unmün­dig­keit bedarf umfas­sen­der medi­en­päd­ago­gi­scher Stra­te­gi­en.

Die Kulturwerkstatt hat die­se Zei­chen früh erkannt und seit 1989 mit der Computerwerkstatt einen Arbeits­be­reich geschaf­fen, bei dem die Her­an­füh­rung an neue Medi­en und der Umgang mit die­sen von Krea­ti­vi­tät und Ver­ant­wor­tungs­be­wusst­sein getra­gen sind. Ins­be­son­de­re auch die Schaf­fung eines (beglei­te­ten) Zugangs zu Com­pu­ter und Inter­net für benach­tei­lig­te Men­schen wird dabei groß­ge­schrie­ben und soll die gesell­schaft­li­che Par­ti­zi­pa­ti­on stär­ken. Denn in Zukunft ent­schei­det fun­da­men­tal der Zugang zu sozia­len Medi­en über die gesell­schaft­li­che Teil­ha­be. Zuletzt arbei­ten die Mitarbeiter/innen in die­sem Bereich immer auch, moti­viert und inno­va­tiv, an der Prä­ven­ti­on von Medi­en­ver­wahr­lo­sung oder extre­mis­ti­scher Radi­ka­li­sie­rung. Es wird Zeit, dass Bund, Län­der und Kom­mu­nen die Wich­tig­keit der Medi­en­päd­ago­gik erken­nen, umfas­sen­de Stra­te­gi­en hier­für ent­wi­ckeln und ent­spre­chen­de Mit­tel bereit­stel­len. Somit kann in Zukunft hate speech im Inter­net und digi­ta­len Bau­ern­fän­gern vor­ge­beugt wer­den. Sape­re aude!