Dr. Marc Coester 1. Vorstand

Prof. Dr. Marc Coes­ter
Vor­stands­vor­sit­zen­der
Kulturwerkstatt e.V.

Jetzt haben wir ihn also auch: einen isla­mis­tisch moti­vier­ten Anschlag mit­ten in Deutsch­land mit vie­len Toten und Ver­letz­ten. Sym­bol­träch­tig ins Herz getrof­fen, zur Weih­nachts­zeit, auf einem Weih­nachts­markt in Ber­lin. Nicht, dass es schon (auch) töd­li­chen, isla­mis­ti­schen Ter­ror (ganz zu schwei­gen vom rechts­ex­tre­mis­ti­schen Ter­ro­ris­mus eines NSU) in Deutsch­land in jüngs­ter Zeit gege­ben hät­te – man den­ke an den Mord­an­schlag am Frank­fur­ter Flug­ha­fen auf US-Sol­da­ten 2011, die Mes­ser­at­ta­cke auf einen Poli­zis­ten in Han­no­ver 2015 sowie die Angrif­fe und Anschlä­ge 2016 auf ein Gebets­haus der Sikh in Essen, auf Rei­sen­de einer Regio­nal­bahn in Würz­burg und auf Fes­ti­val­be­su­cher in Ans­bach. Aber die Dimen­si­on und Bru­ta­li­tät der Mor­de an der Gedächt­nis­kir­che, die Par­al­le­len zum Anschlag in Niz­za, wer­den Deutsch­land ab jetzt prä­gen. Ers­te Ver­laut­ba­run­gen zu Schul­di­gen bzgl. der soge­nann­ten „Flücht­lings­kri­se“, zum Umgang mit Flucht und Migra­ti­on sowie zur Sicher­heits­ar­chi­tek­tur gab es schon kurz nach dem Atten­tat. Das Zyni­sche an den Vor­komm­nis­sen des 19.12.2016 ist, dass alle irgend­wie, irgend­wo und irgend­wann in Deutsch­land mit einem sol­chen Anschlag gerech­net hat­ten; und wahr­schein­lich war es nicht der letz­te.

Die lei­ten­de Fra­ge, die jetzt ver­stärkt gestellt wer­den soll­te, lau­tet: was kann gegen Radi­ka­li­sie­rung (nicht nur aber gera­de auch im Bereich des Isla­mis­mus) von meist jun­gen Men­schen getan wer­den? Ich grei­fe die­se Fra­ge hier bewusst noch ein­mal auf, obwohl ich sie schon in der letz­ten Infor­ma­ti­on 2016 gestellt hat­te. Das The­ma ist seit den genann­ten Gescheh­nis­sen dring­li­cher denn je und auch Pra­xis und For­schung haben sich in letz­ter Zeit hier­zu deut­lich wei­ter­ent­wi­ckelt. Eine Ant­wort auf die Fra­ge fin­det sich z. B. in einem 2016 ver­öf­fent­lich­ten Gut­ach­ten des Insti­tuts für Kon­flikt- und Gewalt­for­schung der Uni­ver­si­tät Bie­le­feld zur „Sys­te­ma­ti­sie­rung von in Deutsch­land ange­bo­te­nen und durch­ge­führ­ten (Präventions-)Programmen gegen isla­mis­tisch moti­vier­te Radi­ka­li­sie­rung“. Berei­che der Prä­ven­ti­on, wel­che die Autoren hier in den Mit­tel­punkt stel­len sind u. a. die För­de­rung der Medi­en­kom­pe­tenz und Medi­en­re­flek­ti­on, die Bil­dungs- und Auf­klä­rungs­ar­beit, die insti­tu­tio­nel­le Netz­werk­bil­dung sowie die jugend­spe­zi­fi­sche Bera­tung und Beglei­tung.

Ziel einer gelun­ge­nen (pri­mä­ren) Prä­ven­ti­on von Radi­ka­li­sie­rungs­ver­läu­fen ist es „gesell­schaft­li­che Zuge­hö­rig­keit und ein Zusam­men­ge­hö­rig­keits­ge­fühl in einer plu­ra­lis­ti­schen Gesell­schaft zu ent­wi­ckeln“ (Traut­mann & Zick 2016, S. 24). Gemeint ist damit ins­be­son­de­re die Eta­blie­rung demo­kra­tie­päd­ago­gi­scher Ele­men­te in die eige­ne (päd­ago­gi­sche, Sozia­le) Arbeit und die För­de­rung von inter­kul­tu­rel­len Kom­pe­ten­zen in der eige­nen Hand­lungs­pra­xis. Ich mei­ne, dass die Kulturwerkstatt in all ihren Berei­chen (Musik, Medi­en, Com­pu­ter und Video) und seit nun­mehr 33 Jah­ren mit ihren medi­en­päd­ago­gi­schen Ansät­zen schon immer die Maxi­me der Ver­mitt­lung demo­kra­ti­scher Wer­te in Stadt und Land­kreis Reut­lin­gen (und dar­über hin­aus) ver­folgt hat. Gera­de auch die viel­fäl­ti­gen Koope­ra­tio­nen mit Schu­len zei­gen ein leben­di­ges Netz­werk, in dem die Kulturwerkstatt sich seit Jahr­zehn­ten erfolg­reich ein­bringt.

In den letz­ten Jah­ren haben wir außer­dem Pro­jek­te ins Leben geru­fen, die ganz direkt den Bezug zur Prä­ven­ti­on von Radi­ka­li­sie­rungs­ver­läu­fen im Bereich des Isla­mis­mus auf­wei­sen sowie auch das The­ma der Islam­feind­lich­keit the­ma­ti­sie­ren. Ganz bewusst wol­len wir mit unse­ren Ange­bo­ten auch wei­ter­hin einen Bei­trag für mehr Demo­kra­tie und gegen Radi­ka­li­sie­rung und Extre­mis­mus lie­fern. Auch wenn in einer glo­ba­li­sier­ten Welt oft­mals der Blick für das Detail ver­lo­ren­geht, so fängt jede Prä­ven­ti­on in der Kom­mu­ne, vor Ort an und beein­flusst damit dann auch – Pars pro toto – das „gro­ße Gan­ze“. Die­sen Weg wol­len wir ger­ne auch in Zukunft mit all’ unse­ren moti­vier­ten und inno­va­ti­ven Mit­ar­bei­tern und Mit­ar­bei­te­rin­nen sowie unse­ren unzäh­li­gen Netz­werk­part­nern gehen. Hier­für rück- und aus­bli­ckend ein herz­li­ches Dan­ke­schön!