Jugend­fes­ti­val - Work­shops bei »Sturm und Klang« nach wie vor sehr gut besucht. Weni­ger Kon­zert- und Par­ty­gäs­te

VON ELISABETH WEIDLING

REUTLINGEN. Tröpf­chen­wei­se kamen Her­an­wach­sen­de am Sams­tag in das Jugend­haus in der Muse­ums­stra­ße. Um 12.30 Uhr, eine huma­ne Zeit für Freun­de der Nacht, begann das glo­ba­li­sie­rungs­kri­ti­sche Fes­ti­val »Sturm und Klang«. Bis zum Abend fan­den sich 90 Teil­neh­mer zu Work­shops und einem glo­ba­li­sie­rungs­kri­ti­schen Stadt­rund­gang ein. Anders als in den ver­gan­ge­nen Jah­ren besuch­ten das anschlie­ßen­de Kon­zert um 20.30 Uhr im »franz.K« nur 250 statt der 350 erwar­te­ten Gäs­te. Bei der After­show-Par­ty in der »Zel­le« schwof­ten spä­ter 150 Nacht­schwär­mer.

 

»Sturm und Klang«: Erfri­schend unge­wöhn­lich war die Band »Soul­hos­sas«, in der Men­schen mit Behin­de­rung die Büh­ne im Kul­tur­zen­trum »franz.K« rock­ten. FOTO: NIETHAMMER

Integratives Bandprojekt

Ruben Neu­ge­bau­er, Mit­glied im zehn­köp­fi­gen Pla­nungs­team, zeig­te sich zufrie­den. Dass etwas weni­ger Besu­cher als erwar­tet zu den Abend­ver­an­stal­tun­gen gekom­men waren, schob er auf die Kon­kur­renz­ver­an­stal­tun­gen in Tübin­gen. Die meis­ten der Teil­neh­mer waren zwi­schen 14 und 18 Jah­ren. Auch eini­ge über 20-Jäh­ri­ge woll­ten sich poli­tisch wei­ter­bil­den und besuch­ten die anspruchs­vol­le­ren Work­shops »60 Jah­re Nato - ein Grund zum Fei­ern?« oder »Was ist Kapi­ta­lis­mus?«. So wie die 23-jäh­ri­ge Anni­ka Löff­ler und die 24-jäh­ri­ge Anna Preuß. Die Stu­den­tin­nen hat­ten im Pro­gramm­heft des »franz.K« gele­sen, dass die Band der Musikwerkstatt Reut­lin­gen, »Soul­hos­sas«, abends im Kul­tur­zen­trum die Büh­ne rock­te.

Das inte­gra­ti­ve Band­pro­jekt, bei dem Men­schen mit geis­ti­ger Behin­de­rung mit von der Par­tie sind, inter­es­sier­te die bei­den ange­hen­den Erzie­hungs­wis­sen­schaft­le­rin­nen. Weil sie das The­ma Glo­ba­li­sie­rung so wich­tig fin­den, beschlos­sen die jun­gen Frau­en kur­zer­hand, nach­mit­tags den Nato-Work­shop zu besu­chen. Ähn­lich Rai­mund Kai­ser. Der 19-jäh­ri­ge gebür­ti­ge Reut­lin­ger, der mitt­ler­wei­le Kyber­ne­tik in Stutt­gart stu­diert, bil­det sich als Juso-Mit­glied ger­ne poli­tisch wei­ter. Ihn zog es zum Work­shop über Kapi­ta­lis­mus.

Par­al­lel star­te­te bei strah­len­dem Son­nen­schein ein glo­ba­li­sie­rungs­kri­ti­scher Stadt­rund­gang. »Alle zwei Meter begeg­net uns Glo­ba­li­sie­rung«, macht Ruben Neu­ge­bau­er deut­lich. Wem auf­fal­le, wo, der sol­le sich mel­den. Vor­ab klärt er, was »Glo­ba­li­sie­rung« eigent­lich bedeu­tet. Es hand­le sich dabei um »eine Ver­flech­tung von Märk­ten welt­weit«. Das weiß die 15-jäh­ri­ge Frie­de­ri­cke Oden­wald bereits, wie ihre Freun­de Mer­ve Coban und Yan­nis Lever vom Albert-Ein­stein-Gym­na­si­um will sie es aber genau­er wis­sen.

Tomaten reisen durch Europa

Vor einem Han­dy­la­den hält die Grup­pe an. Simon Krauß zeigt auf, wie die Bevöl­ke­rung im Kon­go unter der Mas­sen­pro­duk­ti­on von Han­dys lei­de. »Der Kon­go ist der größ­te Expor­teur von Kol­tan, einem Roh­stoff, der für die Elek­tro­in­dus­trie welt­weit benö­tigt wird.« Er schlägt vor, sich sel­te­ner ein neu­es Han­dy zuzu­le­gen, wenn das alte noch sei­nen Dienst erfül­le. Am Markt­platz ver­an­schau­licht Ruben Neu­ge­bau­er anhand einer Bio-Toma­te, dass die meis­ten Lebens­mit­tel im Super­markt eine wei­te Rei­se hin­ter sich haben. Das sehe er kri­tisch, wegen der Umwelt­be­las­tung durch den Trans­port.

Die Agrar­sub­ven­tio­nen der EU ver­lei­te­ten die euro­päi­schen Bau­ern zur Über­pro­duk­ti­on, was wie­der­um die Märk­te der Drit­ten Welt belas­te. Denn dort lan­de­ten die Über­schüs­se mit­un­ter. Obwohl The­re­sa Löff­ler und ihre klei­ne Schwes­ter Zelia die­se Grün­de ein­leuch­tend fin­den, sehen sie Pro­ble­me bei der Umset­zung. »Bei uns kau­fen die Eltern ein, wir kön­nen schlecht über­prü­fen, wo die Toma­te her­kommt«, sagt die 19-Jäh­ri­ge. Beim Kauf von Klei­dung ach­te sie aber dar­auf, woher die Tex­ti­li­en stam­men. Auch an der Apo­the­ke, vor dem Rei­se­bü­ro, vor Beklei­dungs­ge­schäf­ten und zuletzt bei den Ban­ken legt die Grup­pe einen Stopp ein. Wie­der am Markt­platz, las­sen sich die kri­tisch den­ken­den jun­gen Men­schen nie­der, um über die Finanz­kri­se zu dis­ku­tie­ren.

»Beson­ders gut gefal­len hat mir die ent­spann­te Atmo­sphä­re«, fass­te die 19-jäh­ri­ge Vivia­na Klar­mann vom Team abends ihre Ein­drü­cke zusam­men. In der Schu­le sei die Zurück­hal­tung grö­ßer, nicht jeder wür­de sich trau­en, Fra­gen zu stel­len, weil er Kom­men­ta­re von den Mit­schü­lern befürch­te. Neben den Soul­hos­sas spiel­ten im »franz.K« die Grup­pen »The Snat­ches« und »Her­ren­ma­ga­zin« aus Ham­burg. Ange­li­na Schü­le und Kers­tin Fischer, 25 und 31 Jah­re, waren wegen »Her­ren­ma­ga­zin« gekom­men. Dass ein Fes­ti­val lief, wuss­ten sie nicht. Den­noch ent­pupp­ten sich die bei­den Kon­zert­be­su­che­rin­nen aber als »glo­ba­li­sie­rungs­kri­tisch ein­ge­stellt«. (GEA)

Ori­gi­nal­ar­ti­kel erschie­nen am 09.03.2009 im Reut­lin­ger Gene­ral­an­zei­ger