Dr. Marc Coester 1. Vorstand

Prof. Dr. Marc Coes­ter
Vor­stands­vor­sit­zen­der
Kulturwerkstatt e.V.

War­um machen wir eigent­lich, was wir machen? Kon­kre­ter: war­um bie­tet die Kulturwerkstatt e.V. Reut­lin­gen seit 1984 in den Berei­chen Musik, Com­pu­ter und Medi­en Pro­jek­te im Rah­men einer Jugend­kul­tur­ar­beit, Jugend­hil­fe und Jugend­so­zi­al­ar­beit an? Die Fra­ge erscheint auf den ers­ten Blick unnö­tig, da Arbeit, die sozi­al ist, d.h. ihren Dienst an der Gesell­schaft tut, per se immer rich­tig und wich­tig erscheint. Auf den zwei­ten Blick steckt dahin­ter aller­dings der Anspruch, dass eine Unter­neh­mung, mög­lichst bevor die­se beginnt, ihre theo­re­ti­schen Grund­la­gen ken­nen soll­te. Theo­ri­en bil­den die Vor­aus­set­zun­gen für prak­ti­sches Han­deln, sind gleich­zei­tig aller­dings nicht unab­hän­gig von der Pra­xis zu sehen. Es soll­te also ein dia­lek­ti­sches, wech­sel­sei­ti­ges, wert­schät­zen­des und ergän­zen­des Ver­hält­nis von Theo­rie und Pra­xis bestehen, was aller­dings in der Lebens­wirk­lich­keit von Praktiker/innen und Theoretiker/innen bzw. Wissenschaftler/innen häu­fig miss­ach­tet wird. Zu groß erschei­nen die Rea­li­tä­ten und Grä­ben zwi­schen bei­den Wel­ten, was im fol­gen­den Aus­spruch poin­tiert dar­ge­stellt wird: Theo­rie ist, wenn jeder alles weiß, aber nichts funk­tio­niert - Pra­xis ist, wenn alles funk­tio­niert und kei­ner weiß war­um. Dar­in schwin­gen die Kli­schees der ver­kopf­ten, rea­li­täts-, lebens­fer­nen und über­heb­li­chen Wis­sen­schaft sowie einer igno­ran­ten, ein­di­men­sio­na­len und nai­ven Pra­xis kräf­tig mit. Gleich­zei­tig wird deut­lich, dass eine Spal­tung und Abkap­se­lung von Theo­rie und Pra­xis am Ende nicht nur nicht befrie­di­gend erscheint, son­dern auch zum Schei­tern ver­ur­teilt ist.

In der Kulturwerkstatt haben wir die­se Signa­le früh­zei­tig erkannt und von Anfang an dar­auf hin­ge­wirkt, dass wir als Sys­tem der Pra­xis fort­lau­fend eine theo­re­ti­sche Vor­stel­lung unse­rer prak­ti­schen Arbeit ent­wi­ckeln - und dies ins­be­son­de­re auch in Koope­ra­ti­on mit dem Sys­tem der Wis­sen­schaft. Seit 1984 sind dadurch unzäh­li­ge theo­re­ti­sche Beschrei­bun­gen der (jeweils alten und neu­en) Ange­bo­te in unse­rer Ein­rich­tung in Form von Prak­ti­kums­be­rich­ten, Diplom-, Bache­lor- und Mas­ter­ar­bei­ten oder klei­ne­ren For­schungs­pro­jek­ten ent­stan­den. Gleich­zei­tig beto­nen wir in Team­sit­zun­gen einen theo­rie­ge­lei­te­ten Dis­kurs; wenn es also z. B. um die Dis­kus­si­on neu­er Ange­bots­for­ma­te geht, ste­hen zunächst grund­le­gen­de Fra­gen nach Wer­ten, Ethik oder Gerech­tig­keit im Vor­der­grund um dar­aus (theo­re­ti­sche) Grund­la­gen für das eige­ne Han­deln abzu­lei­ten. Bevor es dabei um die eige­nen Erfah­run­gen, Ein­stel­lun­gen und Mei­nun­gen der Mitarbeiter/innen geht, wird also, mög­lichst „neu­tral“, geprüft, wel­che Vor­stel­lun­gen z. B. von Eman­zi­pa­ti­on (Mol­len­hau­er), Lebens­welt (Thiersch), Lebens­lauf (Lowy), gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­sen (Staub-Ber­nas­co­ni), Inte­gra­ti­on (Som­mer­feld) oder Sys­te­men (Rit­scher) – in Klam­mern eini­ge Theoretiker/innen zu den jewei­li­gen Berei­chen – schon im wissenschaftlich/theoretischen Dis­kurs vor­lie­gen und ob die­se an die eige­ne Arbeits­rea­li­tät anschluss­fä­hig sind. Auf­grund die­ser Dis­kus­sio­nen (die übri­gens weni­ger „hoch­tra­bend theo­re­tisch“ geführt wer­den, als hier der Ein­druck ent­ste­hen könn­te und die auch teil­wei­se schon unbe­wusst in Kon­zep­tio­nen am Schreib­tisch ein­flie­ßen) kön­nen dann prak­tisch-metho­di­sche Ide­en für die kon­kre­te Aus­ge­stal­tung von Ange­bo­ten ent­ste­hen.

In den letz­ten Jah­ren haben wir außer­dem bemerkt, dass ein sol­ches Vor­ge­hen nicht nur als Selbst­zweck sinn­voll erscheint: im wach­sen­den Maße wird Sozia­le Arbeit Gegen­stand von Eva­lua­ti­on. Dabei geht es nicht sel­ten um die (von außen anset­zen­de) Mes­sung von Wir­kun­gen, um damit auch eine Legi­ti­ma­ti­on der Arbeit zu bestim­men und ggf. (exter­ne) Mit­tel dar­an zu bemes­sen. An die­ser Stel­le soll es nicht um den Sinn und Unsinn sol­cher Maß­nah­men gehen – sie sind mitt­ler­wei­le Rea­li­tät der Sozia­len Arbeit gewor­den. Viel­mehr zeigt sich, dass die Eva­lua­ti­on einer Maß­nah­me zwin­gend immer auch nach deren theo­re­ti­scher Grund­la­ge fragt. Oder anders: die Fra­ge, was denn Ziel einer Maß­nah­me sei (wel­ches dann Grund­la­ge einer Wir­kungs­eva­lua­ti­on dar­stellt), kann letzt­end­lich nur theo­re­tisch begrün­det sein.

Es stellt sich daher als sehr posi­tiv her­aus, dass wir von Anfang an die­sen theo­re­ti­schen Dis­kurs unse­rer eige­nen Arbeit vor­an­ge­trie­ben haben. Übri­gens: dass sol­che Arbeits­ab­läu­fe Res­sour­cen benö­ti­gen (ins­be­son­de­re zur stän­di­gen Wei­ter­bil­dung aller Mitarbeiter/innen sowie auch zur Gestal­tung die­ses Pro­zes­ses) liegt auf der Hand und führt für die Pra­xis oft­mals dazu, dass hier­auf aus Kos­ten- und Zeit­grün­den ver­zich­tet wird. Wir hof­fen also für die Zukunft dar­auf, dass auch Geldgeber/innen die Wich­tig­keit eines Theo­rie­dis­kur­ses in sozia­len Ein­rich­tun­gen erken­nen und hier­für Mit­tel bereit­stel­len bzw. reser­vie­ren. Es lohnt sich letzt­end­lich für die Qua­li­tät der Sozia­len Arbeit.