Pro­jekt - Im Pliez­häu­ser Otwin-Bru­cker-Schul­zen­trum sol­len Schü­ler für Gefah­ren des Inter­nets sen­si­bi­li­siert wer­den

VON ARNFRIED LENSCHOW

PLIEZHAUSEN. Lie­ber einen Freund ver­lie­ren als sein Han­dy. Lie­ber sich in vir­tu­el­len Wel­ten bewe­gen als in der rea­len. Denn: Der nächs­te Kick ist immer nur einen Klick ent­fernt. Die vir­tu­el­le Welt legt mit Macht ihre Net­ze aus. Die sich dar­in fan­gen, dort ein schein­ba­res Zuhau­se fin­den, wer­den dadurch immer unbe­haus­ter in der rea­len Welt. Im Inter­net tref­fen sie auch auf Gefah­ren, die sie nicht ein­schät­zen kön­nen.

 

In der schö­nen neu­en Welt von Com­pu­ter und Inter­net gibt es auch Gefah­ren für Kin­der und Jugend­li­che. FOTO: STEINHAUER

Wenn der Strom der Mög­lich­kei­ten zu groß wird, reißt er gera­de Kin­der und Jugend­li­che mit. Vor allem in einem Alter, in dem sich die Rea­li­tät für sie sowie­so fremd anfühlt. Wenn in der Puber­tät die Hor­mo­ne ver­rückt spie­len, bren­nen sich die Bil­der die­ser zwei­ten Rea­li­tät beson­ders ein, for­men Gefüh­le und Vor­stel­lun­gen. Eine künst­li­che Welt, in der die Extre­me sich mun­ter tum­meln. Cyber­mob­bing, Gewalt­dar­stel­lun­gen, Por­no­gra­fie - all das lau­ert im Netz. Jugend­li­che sind Opfer, Jugend­li­che sind Täter. Der Umgang mit dem Netz kann über­for­dern und ist zu sel­ten Unter­richts­stoff.

Im Otwin-Bru­cker-Schul­zen­trum in Pliez­hau­sen will man dies ändern - und man hat es auch schon getan. Nicht, weil dort beson­ders Nega­ti­ves pas­siert wäre. »Wir haben viel­leicht ein­fach genau­er hin­ge­guckt als ande­re Schu­len«, sagt Ralf Schmid­meir, der Schul­so­zi­al­päd­ago­ge.

Begleiter in die virtuelle Welt

Aus die­sem genau­en Hin­schau­en ist in die­sem Jahr ein Pro­jekt Neue Medi­en gewor­den, das Respekt in der rea­len und in der vir­tu­el­len Welt ver­mit­teln will, in vier Klas­sen der Haupt­schu­le und in einer Real­schul­klas­se, alles Jahr­gangs­stu­fe sie­ben. Ein Pro­jekt, bei dem aber auch Leh­rer und Eltern ins Boot geholt wur­den. Erwach­se­ne sind im Ver­gleich zu Kin­dern häu­fig die media­len Fast-Analpha­be­ten. Abge­hängt von einer Welt, in der sich ihr Nach­wuchs mit Selbst­ver­ständ­lich­keit bewegt.

»In die Dis­co wür­den die Eltern ihre Kin­der beglei­ten, aber nicht in die vir­tu­el­le Welt«, benennt Stein­meir ein Grund­pro­blem. Die ers­ten bei­den Bau­stei­ne des Schul­pro­jekts hat­ten daher die Erwach­se­nen als Ziel­grup­pe. Erst gab es eine Fort­bil­dung für die Leh­rer über die »Genera­ti­on sorg­los« und ihre Selbst­in­sze­nie­rung im web 2.0. Dann wur­de das Pro­jekt auf einem Eltern­abend vor­ge­stellt, an dem Eltern deut­lich gemacht wur­de, was mit ihren Kin­dern pas­sie­ren kann. Um sie in die Ver­ant­wor­tung zu neh­men, zum Nach­fra­gen zu ermun­tern, damit sie steu­ern kön­nen. Und dazu, die Hilf­lo­sig­keit in Bezug auf den media­len Umgang zu über­win­den.

Es geht dabei kei­nes­wegs dar­um, das Inter­net zu ver­teu­feln. »Wir wol­len nicht den Ste­cker zie­hen«, sagt Stein­meir. Es geht nicht ums Ver­teu­feln, son­dern um ange­mes­se­nes Ver­hal­ten im Netz. Wie ver­hal­te ich mich in Chat-Räu­men? Was mache ich, wenn mir jemand blöd kommt? Wie schüt­ze ich mich? Wie wer­de ich nicht selbst zum Täter?

Das alles sind Fra­gen, die den Schü­lern nahe­ge­bracht wer­den sol­len im drit­ten Bau­stein des Pro­jekts. Einen Vor­mit­tag lang wird die­ses The­ma in einem Work­shop durch­ge­ackert, mit Exper­ten von außer­halb, die auch vom Alter und daher auch von den Erfah­run­gen den Schü­lern näher sind. Mit­ar­bei­te­rin­nen des Jugend­me­di­en-Cafés in Tübin­gen machen das mit den Mäd­chen. Um die Jun­gen küm­mert sich die Kulturwerkstatt Reut­lin­gen.

Beim letz­ten Bau­stein an zwei Vor­mit­ta­gen heißt das The­ma »Lie­be, Sexua­li­tät und der Umgang mit­ein­an­der«. Die Tübin­ger Initia­ti­ve für Mäd­chen­ar­beit (Tima) und die »Pfunz­ker­le« aus Tübin­gen steu­ern Mit­ar­bei­ter und Wis­sen bei, um sich mit den Jugend­li­chen auch per Rol­len­spiel Fra­gen zu nähern wie »Was wün­schen sich Mäd­chen oder Jun­gen vom ande­ren Geschlecht - oder vom eige­nen? Wie lernt man, Stopp zu sagen, Gren­zen zu zie­hen? Wie kann man posi­tiv in Kon­takt zu ande­ren tre­ten?« Da hat Bera­tungs­leh­re­rin Hel­la Mus­all Defi­zi­te aus­ge­macht. Die Schü­ler erleb­ten zwar Hard­core-Extrem­for­men, aber »wis­sen nicht, wie sie sich mensch­lich näher­kom­men«.

Eigene Tutoren ausbilden

Das Pro­jekt, das bis Novem­ber läuft, wird wei­ter­ge­hen. Getreu dem Mot­to, dass Leh­ren­de am meis­ten ler­nen, sol­len aus Pro­jekt-Absol­ven­ten neue Tuto­ren gewon­nen wer­den, die bei der Wie­der­ho­lung des Pro­jekts ihren Mit­schü­lern zur Sei­te ste­hen. Ein Schnee­ball­ef­fekt, da das The­ma aktu­ell bleibt und auch wei­ter Schü­ler und Leh­rer beschäf­ti­gen wird. »Im wei­tes­ten Sin­ne ist das auch Demo­kra­tie-Erzie­hung«, sagt Hel­la Mus­all. Denn »es geht dar­um, Kin­der stark zu machen. Damit sie wis­sen, was da läuft.« (GEA)

Ori­gi­nal­ar­ti­kel erschie­nen am 11.07.2009 im Reut­lin­ger Gene­ral­an­zei­ger