Dr. Marc Coester 1. Vorstand

Prof. Dr. Marc Coes­ter
Vor­stands­vor­sit­zen­der
Kulturwerkstatt e.V.

In der aktu­el­len Debat­te um „Flücht­lin­ge“ gibt es unter­schied­lichs­te Posi­tio­nen, die teil­wei­se sach­lich, mit­un­ter aber auch offen frem­den­feind­lich vor­ge­tra­gen wer­den, Tat­sa­chen ver­dre­hen und Legen­den bil­den. Es ist hier­bei so unüber­sicht­lich gewor­den, dass ein­fa­che und nach­voll­zieh­ba­re Dis­kur­se oft­mals unmög­lich erschei­nen. Die Grund­la­ge des Pro­blems aller­dings lässt sich (noch) auf weni­ge Tat­sa­chen her­un­ter­bre­chen.

Tat­sa­che eins ist die Erkennt­nis, dass es auf der Welt, in ihrem momen­ta­nen Zustand und in Bezug auf ver­schie­dens­te sozi­al­po­li­ti­sche Fak­to­ren, kei­ne Gleich­ver­tei­lung, wahr­schein­lich kei­ne Gerech­tig­keit, gibt. Anders aus­ge­drückt: es exis­tie­ren arm und reich, Krieg und Frie­den, Ungleich­be­hand­lung und Gleich­be­rech­ti­gung, Man­gel und Über­fluss, Per­spek­tiv­lo­sig­keit und Chan­cen Tür an Tür, Staat an Staat, Kon­ti­nent an Kon­ti­nent. War­um das so ist, wer dafür ver­ant­wort­lich ist, was dage­gen getan und ob über­haupt jemals eine ech­te Lösung gefun­den wer­den kann, muss an die­ser Stel­le ver­nach­läs­sigt wer­den. Tat­sa­che zwei ist, dass es eine stei­gen­de Zahl an Län­dern gibt, die zur Schat­ten­sei­te die­ser Ent­wick­lung gezählt wer­den kön­nen und weni­ge, die auf der Son­nen­sei­te ste­hen. War­um das so ist, bleibt an die­ser Stel­le eben­falls unbe­rück­sich­tigt. Tat­sa­che drei lau­tet: Deutsch­land und (der größ­te Teil von) Euro­pa zäh­len zu den sehr son­ni­gen Plät­zen in die­ser geo­po­li­ti­schen „Gesamt­wet­ter­la­ge“. Und auch wenn hier, auf der sub­jek­ti­ven Mikro­ebe­ne, nicht alles gut ist - auch in Deutsch­land gibt es oben und unten, pri­vi­le­giert und unter­pri­vi­le­giert - lebt der Mensch, in Zei­ten der Glo­ba­li­sie­rung, nicht (mehr) im luft­lee­ren Raum son­dern ist kon­fron­tiert mit den Ent­wick­lun­gen und Bedin­gun­gen in der Welt um ihn her­um – alles hängt irgend­wie mit allem zusam­men – daher stellt sich hier­bei auch immer die Fra­ge nach Ver­ant­wor­tung.

Vie­les spricht dafür, dass Flucht und Migra­ti­on in den kom­men­den Jahr­zehn­ten bestim­men­des The­ma der Welt, der Kon­ti­nen­te, der Staa­ten und Kom­mu­nen wer­den wird. Men­schen flüch­ten von den Schat­ten­sei­ten, vor Per­spek­tiv­lo­sig­keit, Armut, Krieg, Gewalt und Zer­stö­rung in die siche­ren und (sonnen)reichen Gegen­den der Welt und las­sen sich dabei nicht von der Asyl­ge­setz­ge­bung ein­zel­ner Staa­ten beein­dru­cken. Da nun die tota­le Befrie­dung der Welt in den Ster­nen steht, „Das Boot ist voll“-Rhetorik wenig hilft, weil die grund­le­gen­den Tat­sa­chen dadurch nicht gelöst sind und Abschot­tung, Sta­chel­draht, Mau­ern oder Arme­en die­se Ent­wick­lung eben­falls nicht auf­hal­ten kön­nen bleibt die Ein­sicht, dass Situa­tio­nen, die aus all­dem Ent­ste­hen, prak­tisch und kon­struk­tiv (am Ende) gera­de in den Kom­mu­nen gelöst wer­den müs­sen. Dabei wich­tig: mit den hier­für ver­füg­ba­ren Res­sour­cen soll­te beson­nen umge­gan­gen wer­den – auch in Hin­blick auf die in den Kom­mu­nen schon bestehen­den sozia­len Pro­blem­la­gen und för­der­wür­di­gen Grup­pen. Ein Kon­kur­renz­ver­hält­nis um Geld und Man/Wo­man-Power zwi­schen den klas­si­schen Ziel­grup­pen sozia­ler Arbeit und den geflüch­te­ten Men­schen darf sich auf lan­ge Sicht nicht ein­stel­len.

Die Kulturwerkstatt stellt sich im Kreis Reut­lin­gen der aktu­el­len Her­aus­for­de­rung und arbei­tet schon jetzt gezielt, pro­fes­sio­nell und ent­schlos­sen mit an die­ser kom­mu­na­len Auf­ga­be ohne aller­dings unse­re tra­di­tio­nel­len Ziel­grup­pen zu ver­nach­läs­si­gen. Ein wöchent­li­cher Trom­mel­kurs in der Carl-Zeiss-Stra­ße und ers­te Kon­zep­tio­nie­run­gen mit Schu­len für nach­hal­ti­ge Ange­bo­te sind zwei Bei­spie­le in die­sem Bereich. Um die­sen uner­war­te­ten Spa­gat leis­ten zu kön­nen bedarf es moti­vier­te und inno­va­ti­ve Mit­ar­bei­ter und Mit­ar­bei­te­rin­nen sowie Unter­stüt­zung durch unse­re Netz­werk­part­ner. Denen gebührt der Dank an die­ser Stel­le!